Der traurige Schneemann


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Dort stand er am Strassenrand. Ein Bild von einem Schneemann. So gross wie ein Schulbub. Ein stabiler, kugelrunder Unterkörper mit einem massiven, kugeligen Oberkörper. Und darauf ein kugelrunder Kopf mit grossen Augen aus kleinen Kieselsteinen. Seine Nase war zwar klein,  aber aus einer saftigen Rübe mitten ins Gesicht gesteckt. Vorwitzig stand sie hervor und hätte ihm, dem stattlichen Schneemann, zu einem traumhaften Antlitz verhelfen können. Wenn, ja wenn die Sache mit dem Mund besser geklappt hätte.

 

Doch der Schneemann hatte keinen Mund mehr. Die Kinder hatten für seinen Mund extra harte, rote Beeren gesammelt und sie zu einem grossen Mund, der freundlich zu lächeln schien, zusammengesteckt. So hatte er sich gut gefühlt, der Schneemann. Doch leider nur allzu kurz. Denn kaum waren die Kinder fort, kam eine diebische Elster angeflogen. Sie setzte sich auf des Schneemanns kugeligen Oberkörper und hatte es genau auf die roten Beeren abgesehen. Scheinbar war sie ordentlich hungrig, die Elster. In wenigen Sekunden hatte sie alle Beeren abgehackt und genüsslich gekaut. Auf die Schneemann-Nasen-Rübe hatte sie glücklicherweise keine Lust. Und so streckte sie den Kopf, hob das Gefieder an und schwang sich in die Lüfte.

 

Zurück blieb ein Schneemann.  Ein schöner, grosser Schneemann. Ein Schneemann ohne Mund. Er war traurig. Was sollte er nun tun, so ganz ohne Mund. Er konnte sehen durch die Kieselstein-Augen. Riechen durch die Rüben-Nase. Ach ja, und Ohren hatte er auch, wenn man ganz genau hinschaute: Die Kinder hatten sie ihm aus Schnee geformt. Nicht allzu gross, denn er sollte den Strassenlärm nicht unnötig laut hören. Einfach nur das Nötigste sollte er hören – zum Beispiel wenn Kinder sich mit ihm unterhalten wollten. Oder Hunde beim Gassi-Gehen mit ihm sprachen. Sehen, riechen, hören. Auch fühlen konnte er dank seiner eisbeschichteten Schnee-Haut. Gerade jetzt, wo es langsam dunkel wurde, merkte er, dass es kälter geworden war. Und es fühlte sich gut an, denn Kälte bedeutete längeres Leben. Die tiefen Temperaturen würden ihn gefrieren lassen, und das war gut so. Dann würde er morgen immer noch dort an der Strasse stehen.

 

Nur das mit dem gestohlenen Mund, das war traurig. Wie gerne hätte er sich mit Dackel Poldi unterhalten, der da gerade von Omi Dora ausgeführt wurde und ihn neugierig betrachtete. Dann kam Herr Meier vorbei, um heimlich seine tägliche Zigarette zu rauchen. Ihm hätte etwas Aufmunterung auch gut getan. Doch es ging nicht. Kein Mund, keine Worte. Keine Worte, kein Austausch. Kein Austausch, keine Freunde. Und so wurde der Schneemann immer trauriger.

 

Mittlerweile war es ganz dunkel geworden. Nur die Strassenlaternen erhellten die Finsternis. Ab und an fuhr ein Auto die Strasse entlang in dieser kalten Nacht. Der Schneemann war müde und schloss die Kieselsteinaugen. Als da, ganz unten an seinem Kugelbauch, dort wo eigentlich die Füsse waren, dort kitzelte es ihn plötzlich. Er guckte zu Boden. Ja, was war das denn? Ein Mini-Wesen mit einer riesengrossen roten Zipfelmütze hüpfte ganz aufgeregt im Schnee herum und warf die Hände in die Höhe. Wo, bitteschön, kam mitten im Winter dieser Gartenzwerg her? Und was wollte er? Gerade formte er seine Hände zu einem Trichter, und der Schneemann hörte ihn schreien: „Muuuu-uuuund? Wo ist Dein Mund?“

 

Egon, der Gartenzwerg, hatte sich heute bereits mächtig aufgeregt. Normalerweise überwinterte er bei den Beusenfangs immer im Gartenhäuschen. Dort war es trocken und wurde selbst im Winter nie ganz kalt. Er hatte liebe Gesellschaft von andern Gartenzwergen und auch die Katze Dorothea gesellte sich gerne zu ihnen ins Gartenhäuschen. Doch in diesem Jahr war alles anders: Sie hatten ihn vergessen. Einfach übersehen im Garten. Nicht beachtet, nur weil die Hecke so stark gewachsen war, dass sie ihn im November komplett verdeckte. So wurden seine ganzen Zwergenfreunde ins sichere Häuschen gesteckt, nur er, Egon, musste ihm Freien, im Kalten, im Feuchten verharren. Stinksauer war er! Doch als dann heute auch noch der Schnee dazu kam, da hielt es ihn nicht mehr. Nein, bei all der Gartenzwerg-Ehre, das war dann doch zu viel. Er machte sich auf den Weg!

 

Die Füsse vertreten wollte er sich, was allerdings bei seinen rutschigen Sommerschuhen auf dem frisch gefallenen Schnee gar nicht so einfach war. Und doch – es war ein lustiges Gefühl, denn Gartenzwerge purzeln ja nun mal gerne. Und Egon purzelte, rutschte und quietschte irgendwann vor Vergnügen, während er die Strasse entlangmarschierte. Gerade hatte er eine phänomenale Schlitterpartie hinter sich, da donnerte er an einen festen Schneeblock. Er guckte hoch. Und er sah den ersten Schneemann seines Lebens. Mannsgross stand er da und blickte auf Egon runter. Mit grossen und freundlichen Kieselsteinaugen, einer Rote-Rüben-Nase. Und mit sonst nichts. Der Mund fehlte.

 

Egon schaute auf den Schneemann. Und Egon überlegte. Er wollte sich mit dem Schneemann unterhalten, wollte von ihm mehr über die Welt hier an der Strasse erfahren. Doch wie sollte der Schneemann ohne einen Mund reden können? Egon drehte sich um. Er hatte einen Plan. Er rannte purzelnd zu seiner Gartenhecke zurück. Hatte Eichhörnchen Murphy hier nicht irgendwo fünf Haselnüsse versteckt? Egon begann zu graben, zum Glück gehörte zu seiner Gartenzwergausrüstung auch eine Schippe, der Boden war nicht hart gefroren, es ging recht gut. Und beim dritten Loch hatte er Erfolg: Da waren sie doch, Murphys Haselnüsse.  Egon buddelte sie alle aus, hievte sie in den Zwergenschubkarren, der auch noch unter der Hecke rumflog. Und ab ging’s. Zurück zum Schneemann.

Egon hatte seine liebe Last, im Dunkeln den Schubkarren, vollbeladen mit den fünf Haselnüssen, zu balancieren. Und dieses Mal hüpfte er nicht wild rum, sondern konzentrierte sich voll darauf, die wertvolle Ladung heil zum Schneemann zu bringen. Angekommen! Doch nun ging die eigentliche Arbeit erst los, denn Egon musste jede einzelne Nuss hoch nach oben ins Schneemann-Gesicht bringen. Zum Glück war er ja ein guter Kletterer – selbst auf Schnee und Eis. Die Haselnuss schob er sich jeweils unter seinen Wams beim Klettern, dort hielt sie ganz gut. Und wenn er die Schulter des Schneemanns erreicht hatte, schob Egon vorsichtig die Haselnuss heraus aus dem Wams und drückte sie dem Schneemann fest unter die Nase. Erst eine, dann zwei. Und Nummer drei. Und vier. Und alle Fünfe.

 

Zufrieden schaukelte Egon auf der Schulter des Schneemanns herum und bestaunte sein Werk. Der Schneemann blickte ihn an, die Kieselsteine funkelten wie Sterne. Seine Rüben-Nase leuchtete wie Gold. Und die Haselnuss-Lippen bewegten sich auf und ab, nach rechts und links, bis sie sich zu einem breiten Lächeln vereinigten.

 

 

Egon rutschte nun wieder über den Schneemannbauch nach unten herab. Mit einem Plumps setzte er auf dem Boden auf. Er blickte hoch zum lächelnden Schneemann, der ihm ein fröhliches Dankeschön zum Abschied zurief. Egon nahm seinen Schubkarren und beschloss, heute keine weiteren Ausflüge mehr zu machen. Er marschierte zurück zu seinem Versteck in der Hecke, stellte dort auch den Schubkarren ab, und beschloss, morgen Abend wieder zum Schneemann zu gehen. Auf eine Gutenacht-Geschichte unter Freunden.